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Gastbeitrag Dörfler 2/2: Viren-Ansichten

Ernst  Paul Dörfler

Bakterien sind böse und Viren erst recht, so eine allgemeine Meinung. Aber ohne diese Mikroorganismen könnten wir Menschen gar nicht leben. Sie sind es, die in ihrer ganzen Vielfalt für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen sorgen, ganz im Stillen und Unsichtbaren, sei es auf der Haut oder im Darm oder draußen in der Natur. Sie zersetzen die Blätter im Herbst und halten somit den natürlichen Stoffkreislauf in Schwung. Mikroben, dazu zählen Bakterien, Viren und Pilze,  sollten somit unserer besten Freude sein.

Eben diese kleinen Helfer sorgen auch für die Balance in der Natur, für eine dynamische Ausgewogenheit und für Vielfalt. Sie sind es, die ausufernde Massenentwicklungen einzelner Tier- oder Pflanzenarten bremsen können. Ganz ähnlich gehen Mikroorganismen mit den vom Menschen geschaffenen Monokulturen in Wäldern, auf Feldern und in Ställen um. Es ist ihr Job, für Vielfalt und damit für eine funktionierende Stabilität zu sorgen. Das Baumsterben, der Weizenrost, die Schweine- und Geflügelpest sind nur einige Beispiele, wie Mikroorganismen regulierend eingreifen und den Zusammenbruch einförmiger Ökosysteme auslösen können und einen Neuanfang in Vielfalt ermöglichen.

Vergleicht man die Biomasse zwischen den Wildtieren einerseits und den Haus- und Nutztieren andererseits und schließt den Menschen ein, dann stellt man auch eine Art Monokultur fest:

Nur noch 3 Prozent entfallen auf Wildarten, 97 Prozent nehmen den Rest ein. Nach dieser Ökobilanz hat sich der Mensch mit seinen Nutztieren überproportional auf unserem Planeten ausgebreitet und die Natur verdrängt. Die menschliche Kultur hat sich somit in eine Mikroben-Falle manövriert: Je höher die Dichte der Wirte, um so leichter die Übertragung und Ausbreitung der Gegenspieler, der Mikroben.

Im Ackerbau wird seit einigen Jahrzehnten versucht, die vermeintlichen Schaderreger mit Giften in Schach zu halten. Wir haben uns daran gewöhnt, dass unsere billige Nahrung mit dem permanenten Einsatz von Giften erzeugt wird, so, als sei es das normalste der Welt. Ohne Chemie-Einsatz ginge  nichts mehr, höre ich allzu oft. In der massenhaften Geflügelzucht werden Antibiotika gegen bakterielle Krankheitserreger eingesetzt, damit die Tiere nicht dahinsiechen. Nach den wahren Ursachen wird nur selten gefragt.

Sowohl auf dem Acker als auch im Stall setzt sich die Natur zur Wehr, sie reagiert mit Anpassung, mit Resistenzen. Es gibt zunehmend Insekten und Mikroben, die sich unseren Waffen widersetzen.  Neuartige Gifte werden entwickelt, produziert und eingesetzt. Es ist ein ewiger Wettlauf mit den „Schädlingen“ und die Nebenwirkungen auf unsere Umwelt und Gesundheit werden immer offensichtlicher: Schadstoffe in Boden, Wasser, Luft und Nahrung bis hin zur Muttermilch.

Ein überaus häufiges „Tier“ auf unserem Planeten ist der Mensch, ein besonders attraktiver Wirt für Mikroben. Menschen sind nicht nur zahlreich, sondern auch mobil wie keine andere Art auf der Erde. Das macht es bestimmten Viren und Bakterien leicht, sich massenhaft zu vermehren und auszubreiten. Ein Virus kann innerhalb von 24 Stunden auf allen Erdteilen Fuß fassen und sich einnisten. Wenn dazu auch noch die natürlichen Abwehrkräfte im menschlichen Organismus nachlassen, sei es durch einen falschen Lebensstil, durch schlechte Ernährung oder durch Schadstoffe in der Umwelt, dann ist für die unsichtbaren Akteure Partyzeit angebrochen. Rasend schnell können sie sich vermehren und ausbreiten. Impfen hilft erst einmal, doch die Mikroben sind einfallsreich, sie können unendlich viele Mutanten und Varianten herausbilden.

Je weiter der Mensch in Naturräume vordringt oder Tiere industriell ausbeutet, um so größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass völlig neuartige Erreger vom Tier auf den Menschen überspringen, gegen die der menschliche Organismus erst einmal wehrlos ist. 

Das jüngste Beispiel dafür ist das SARS-CoV-2-Virus, dessen natürliche Wirte höhlenbewohnende Fledermäuse sind. Die ausgelöste Corona-Pandemie kann nur gestoppt werden, wenn sich alle potentiellen Wirte, mehr als 7 Milliarden Menschen, gleichzeitig sehr gut gegen Infektionen schützen und keine Infektionen mehr stattfinden.

Wir Menschen glaubten, die Natur sei ein grenzenloser Selbstbedienungsladen ohne Kasse. Wir haben uns geirrt. Wir können nicht dauerhaft gegen die Natur wirtschaften. Raubtiere, wie Bären und Tiger können wir ausrotten, Viren und Bakterien nicht. Wir müssen Natur neu lernen und Demut üben. Naturgesetze sind nicht verhandelbar. Natur verlangt Vielfalt und Ausgewogenheit. Wenn wir dagegen verstoßen, sorgen Viren und Bakterien dafür. Sie sind die Polizei, die über die Einhaltung der ungeschriebenen Gesetze wacht.

Was uns bleibt ist kluge Vorsorge, mit der wir sofort beginnen können, vor allem mit der Reduktion des Naturverbrauchs. Hier liegt der entscheidende Ansatz, um den wahren Ursachen unserer Krisen zu begegnen. Alles, was wir in irgendeiner Form konsumieren, zehrt mehr oder weniger an den Ressourcen und damit an unseren Lebensgrundlagen. Gefragt ist das verträgliche Maß, das Gesundheit für die Natur und für uns selbst verspricht und die planetaren Grenzen nachhaltig respektiert. Jeder Mensch kann seinen Beitrag leisten. Jetzt ist die Gelegenheit zum Handeln, jetzt. 

Herrn Prof. Dr. med. Gernot Geginat vom Universitätsklinikum Magdeburg danke ich für seine Unterstützung.

Der Autor:

Ernst Paul Dörfler, geboren 1950 in Kemberg bei Lutherstadt Wittenberg, ist promovierter Ökochemiker, Autor und Publizist. Sein Buch Zurück zur Natur? (1986) wurde zum Kultbuch der ostdeutschen Umweltbewegung. 1989 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen Partei in der DDR, anschließend wurde er Abgeordneter der Volkskammer und des Bundestages. 

Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem EURONATUR-Preis der Stiftung Europäisches Naturerbe. 2021 erschien im Hanser-Verlag München sein Buch „Aufs Land.

Wege aus Klimakrise, Monokultur und Konsumzwang“.

Weiterlesen:

Gastbeitrag Ernst Paul Dörfler 1/2: Muttererde

Die planetaren Grenzen-zur Forschung von Rockström et.al

Der Stickstoffkreislauf: Die Sache mit den N´s

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