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Wanfrieds Wohnwerber

Ein junger, engagierter Bürgermeister mit Verkaufstalent, ein visionärer Innenarchitekt, ein paar talentierte, ehemalige Studienkollegen und eine überschaubare Ortsgröße, das war die richtige Mischung zur Rettung Wanfrieds vor dem Verfall.

Die östlichste Stadt Hessens war früher der letzte schiffbare Ort an der Werra und hatte das sogenannte Stapelrecht inne. Dies erlaubte den Wanfrieder Bürgern den Erstzugriff auf Waren und den Weiterhandel ins Umland. In dieser Zeit entstanden in Wanfried viele, beeindruckende Fachwerkhäuser und der Ort erlebte seine Blütezeit. Durch etwas Glück überlebten diese Häuser beide Weltkriege und die innerdeutsche Grenze entlang der Werra. Der demographische Wandel macht ihnen jedoch zunehmend zu schaffen. Seit den 70ern verlor Wanfried stetig Bevölkerung, insbesondere die Jungen verließen den Ort und ließen die Fachwerkhäuser unbewohnt zurück. 

Eingangstür historische Ölmühle Wanfried (Foto: Niko Martin / thegood.media)
Eingangstür historische Ölmühle Wanfried (Foto: Niko Martin / thegood.media)

2005 konnte Innenarchitekt Peter Gerks nicht weiter mit ansehen wie seine Heimatstadt immer weiter verfiel. Leerstand machte sich breit und sogar die berühmten Hafenhäuser sollten abgerissen werden. Zusammen mit ehemaligen Studienkollegen machte er sich als Bürgergruppe Wanfried daran die Häuser zu kartieren und Menschen davon zu überzeugen, dass Fachwerkhäuser und modernes Wohnen kein Widerspruch sein müssen. Eine ökologisch Sanierung war ihm ebenso wichtig. Im von der Gruppe sanierten Fachwerkmusterhaus konnte er praktisch zeigen, dass Fachwerk günstiger und schöner als ein Neubau werden kann. Kurz nach Gründung der Bürgerschaft traf die Gruppe auf Wilhem Gebhard, Jungpolitiker mit Ambitionen zum Bürgermeister und der sagt: Solange es Leerstand in Wanfried gibt, werde ich kein Neubaugebiet ausweisen.

Marktstraße Wanfried am tagsüber (Foto: Niko Martin / thegood.media)
Marktstraße Wanfried am tagsüber (Foto: Niko Martin / thegood.media)

Bis heute haben die Wanfrieder 70 Fachwerkhäuser in Wanfried und den Nachbardörfern vermittelt. Es gibt immer noch einzelne leerstehende Objekte. Vor allem historischer Gewerbebestand, aber man ist sehr zufrieden mit sich. Es gibt wieder mehr Zuzug, sogar ehemalige Auswanderer:innen kommen zurück. Trotz immer noch hoher Sterberate hat sich der Schrumpfungsprozeß deutlich abgeschwächt. Einziger Wermutstropfen der Geschichte: Die Wanfrieder sind gerade im Begriff wieder Neubaugebiete für Gewerbe und Wohnen auszuweisen. Das wollen Sie moderat und überlegt tun.

Einige Tricks haben die Wanfrieder angewendet, die auch für andere Projekte hilfreich sein können.

  1. Leerstandskataster: Durch die Mithilfe des Bürgermeisters und der Verwaltung konnte schnell der Leerstand identifiziert und die Besitzer angeschrieben und deren Verkaufsbereitschaft abgefragt werden.
  2. Internetplattform: Die zu verkaufenden Immobilien können online angeschaut werden. Interessierte mussten sich zur Kontaktaufnahme direkt an den Bürgermeister melden. Fachwerkhäuser sind in den Niederlanden sehr beliebt, so wurden diese auch auf einer niederländischen Plattform angeboten und die Bürgergruppe war auf der “Auswanderermesse” in Utrecht.
  3. Persönlicher Kontakt: Der Bürgermeister lud die Interessierten zu ein paar Tagen Urlaub in Wanfried ein und fuhr sie durch den Ort. Je nach Wohnbedürfnis konnten sie sich unterschiedliche Gebäude mit ihm anschauen. 
  4. Vermittlung: Wenn Interesse bestand, verhandelten Käufer und Verkäufer miteinander den Preis, bei Unsicherheiten zu Denkmalfragen, Sanierungsmöglichkeiten und Kosten klärte die Bürgergruppe Wanfried die Möglichkeiten. Bauliches anhand ihres Fachwerkmusterhauses, Denkmalfragen mit der Denkmalverwaltung, Handwerkliches mit den Wanfrieder Handwerksbetrieben, die im Fachwerkmusterhaus geschult wurden.
  5. Persönlicher Kontakt: Immer wenn es irgendwo klemmt, steht die Bürgergruppe parat. Das loben sie Zugezogenen besonders. Das Willkommensgefühl und die Sicherheit dass das ganze Projekt klappen könnte, half viele bei der Entscheidung für die Sanierung.
  6. Ehemalige Einladen: Menschen, die als Kinder oder Jugendliche in Wanfried gelebt haben, bekommen zweimal jährlich Post vom Bürgermeister. Er erzählt was in ihrer alten Heimat los ist und lädt sie zu Festen im Ort ein. So haben schon einige den Weg zurück gefunden.
  7. Persönlichen Kontakt: Die Wanfrieder pflegen gezielt gute Kontakte zu Denkmalpflegende aller Ebenen. So kennt jeder im zuständigen hessischen Ministerium Wanfried. Die Denkmalschützerinnen und Denkmalschützer werden regelmäßig eingeladen. Synergieeffekte und formelle wie informelle Unterstützung laufen so besonders gut.
saniertes Fachwerkhaus in Wanfried (Foto: Niko Martin / thegood.media)
saniertes Fachwerkhaus in Wanfried (Foto: Niko Martin / thegood.media)

“Leerstandsveringerung war das oberste Ziel und da sind wir sehr weit.” sagt Jürgen Rödiger, Sprecher der Bürgergruppe. “Zusätzlich wollten wir alte Werkstoffe  wie Lehm wieder an Handwerker bringen und diesen für die neue Chance vor Ort zu begeistern und Bausünden vermeiden.”

“Uns gefallen die Kurze Wege einschließlich der zu Verwaltung und Bürgermeister. Die Denkmalbehörde ist ein guter Kontakt und wir erfuhren sehr konstruktive hilfreiche Zusammenarbeit mit Bürgergruppe. Diese verfügt über hohe Fachkompetenz + persönliche Begleitung und suchten auch einfache Lösungen für unsere Bauprobleme. Zusammen mit dem Fokus auf Energieeffiezen + Barrierefreiheit und Visionäre daran hat uns das damals überzeugt.” bestätigt Birgit Pagel die von Wiesbaden nach Wanfried zog und heute dort in im sanierten Fachwerkhaus lebt.

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