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Aktive Verbände und Bürgerinitiativen Berlin

Genug ist genug!

Finden die Mieter der Taborstraße 9 in Berlin-Kreuzberg. Sie kämpfen mit einem Problem, dass viele Großstadtbewohner:innen nur zu gut kennen: Um den Wohnraumbedarf zu decken wird verdichtet. Im ländlichen Raum, mit Dichtewerten von teilweise unter 25 Wohnungen auf einem Hektar, eine wichtige Methode um Neubaugebiete zu verhindern. Im bereits stark verdichten Städten schwierig. Dass sich eine ganze Hausgemeinschaft zum Widerstand gegen den Verlust des letzten größeren Gartens innerhalb der Häuserblocks zusammenfindet, ist ungewöhnlich und bemerkenswert. Hier stellen wir euch die Bewohner:innen der Taborstr. 9 und ihr Bauproblem näher vor.

Euer Hinterhof soll bebaut werden. Warum seid ihr dagegen?

Unsere Initiative „Tabor9 – Rettet die Gärten“ hat sich gegründet, nachdem wir Anfang 2020 eher durch Zufall erfahren haben, dass unsere Wohnungsbaugesellschaft nachverdichten will und ein dreigeschossiges Haus (Wohnungen mit jeweils 50 qm Wohnfläche) auf die Gartenfläche hinter dem Bestandshaus gebaut werden soll. Für das Bestandshaus selbst ist ein Dachgeschossausbau geplant. Die Baugenehmigung ist nach jahrelangem Verfahren mit Befreiungen erteilt worden. Schauplatz ist der im zentralen Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gelegene Wrangelkiez (s. Abb. 1, rote Umrandung). Es handelt sich hierbei um ein hochverdichtetes, durch Blockrandbebauung geprägtes innerstädtisches Gründerzeitquartier, das als einer der Szenekieze Berlins bekannt ist. Unser Mietshaus mit Garten liegt am südöstlichen Ende des Kiezes in der Taborstr. 9 in einem Karree (s. Abb. 1, grüne Umrandung), das von mehrgeschossigen Mietshäusern und einer Grundschule gesäumt wird.

Wir sing gegen eine Bebauung des Gartens:

  1. Friedrichshain-Kreuzberg weist einen Versiegelungsgrad von 64,4% und eine Baudichte von 14.172 EW/km² ( entspricht etwa 745.894 Wohneinheiten/ha) auf. Unser Kiez steht exemplarisch für diese Zahlen. In den zunehmend heißen und leider auch trockenen Sommern führt das zu einer beträchtlichen Hitzeentwicklung, die von den umliegenden Gewässern und den wenigen unversiegelten Flächen nicht kompensiert werden kann. Auch die angrenzende Schule mit dem Sportplatz aus Tartan schafft keine Abhilfe. Der unversiegelte Garten hinter dem Bestandshaus dient als wertvolle Frischluftschneise für die Mietergemeinschaft der Taborstr. 9 sowie für die umliegenden Häuser im Karree.
  2. Schon jetzt sind die Wohnungen in den unteren Geschossen des maroden Bestandshauses durch die enge Bebauung recht dunkel. Es droht durch den Bau des „Gartenhauses“ eine erhebliche zusätzliche Verschattung für die unteren Geschosse (auch des Nachbarhauses), ganz zu schweigen von dem drohenden Blick gegen eine weitere Wand und der erdrückenden Enge.
  3. Neben einer Vielzahl von Pflanzen haben auch immer mehr tierische Bewohner hier, im eng bebauten Kreuzberg, einen Lebensraum gefunden, viele Vögel und Katzen, auch Eichhörnchen und Wildbienen. Letztere nisten übrigens in dem Baum, der in der Bauecke für das vorgesehene „Gartenhaus“ seinen Platz hat und sie würden durch die Baumaßnahme vermutlich vollends vertrieben.
  4. Der Garten ist darüber hinaus ein Erholungsort. Neuere Forschungen haben mittlerweile herausgestellt, dass der Blick ins Grün psychische Belastungen erheblich abmildern kann. In die Zeit der erteilten Baugenehmigung fiel der Beginn der Ausbreitung des SARS-CoV-2-Virus. Uns allen ist in den letzten Monaten bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass Grün- und Naherholungsflächen ausreichend verfügbar sind. Für die Bewohner und Bewohnerinnen der Taborstr. 9 war und ist der Garten unter diesen außergewöhnlichen Umständen von unschätzbarem Wert in einem Bezirk, der aufgrund seiner hohen Bevölkerungsdichte und geringen Anzahl an Grünflächen viel zu wenig Gelegenheiten bietet, den Situationen des homeoffice/homeschooling zu entkommen und gefahrlos andere Menschen zu treffen. Umliegende Flächen wie der Görlitzer Park oder die Gegend um den Landwehrkanal sind hoffnungslos übernutzt.

Was befürchtet ihr wenn die Baupläne eurer Wohnungsgesellschaft umgesetzt werden?

Deutsche Städte, auch Berlin mit seinen Innenstadtbezirken, stehen vor dem Hintergrund der Wohnraumbeschaffung unter einem immensen Baudruck. In Friedrichshain-Kreuzberg lassen sich zahllose Beispiele von Nachverdichtungen nach dem Motto „Wohnraum um jeden Preis“ finden. Unser Fall steht exemplarisch für eine insgesamt bedenkliche städtebauliche Entwicklung. Das Bauvorhaben der Taborstraße 9 ist in unseren Augen nicht nur ein Schaden für die Mietergemeinschaft der Taborstraße 9, die durch eine zweifache Nachverdichtung (neues Gebäude und Dachgeschoss) quasi erdrückt wird, sondern für das gesamte Quartier Wrangel-/Taborstr., das man sukzessive wieder in die beengten Lebensverhältnisse des 19. Jahrhunderts zurückdrängt. Es widerspricht allen neueren Erkenntnissen zu lebenswerter Stadtentwicklung, der Sehnsucht der Stadtbewohner nach Natur in ihrer Umgebung und einer verträglichen Dichte der Menschen.  

Uns stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit dieses und vergleichbarer Bauvorhaben: Soll für drei Wohnungen mit je 50 qm Wohnfläche ein so wichtiger und rarer Lebens- und Erholungsraum für Menschen, Tiere und Pflanzen unwiederbringlich zerstört werden? Zusätzlicher Wohnraum wird auf diesem Grundstück bereits durch den Dachgeschossausbau geschaffen. Wir befürchten, dass Nachverdichtung in Berlin mehr und mehr ohne Augenmaß und kluge Konzepte stattfindet. Ob die Entscheidungsträger diese Baupolitik vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Auswirkungen des Klimawandels in ein paar Jahren bereuen werden?

Und wie ist euer Plan ?

Unsere Initiative hat, die Idee, die „Rettung“ unseres Gartens als Anregung zu sehen auch für andere Menschen, deren Gärten verkleinert oder bebaut werden sollen. Die Aufforderung „Rettet die Gärten“ soll hierbei auch als Signal verstanden werden, politische Maßnahmen zum Schutz des Stadtgrüns aktiv in die Tat umzusetzen und damit einen essentiellen Beitrag gegen den Klimawandel und für die langfristige Bewohnbarkeit städtischer Areale zu leisten. Gleichzeitig wollen wir mutmachend sein für andere Initiativen oder solche, die es werden wollen. Die Zukunft der Stadt – das haben luzide Stadtentwicklungsplaner und Umweltpolitiker schon mit Nachdruck in ihre Zukunftsentwürfe aufgenommen – braucht klimatisch günstige Stadtstrukturen, nachhaltige Entsiegelung, die Begrünung grauer Flächen, Erhaltung und Ausweitung aller bestehenden Naturflächen einschließlich privater Gärten und begrünter Hinterhöfe. Kurz: Mehr urbanes Grün auf allen Ebenen.

Wie wir den Garten retten wollen? Die Baugenehmigung ist erteilt worden. Rechtlich gibt es für uns keine Einflussmöglichkeit. Deswegen besteht der Plan darin, die Hausverwaltung vom Erhalt des Gartens zu überzeugen, in dem gemeinsam ein innovatives Konzept/eine Vision erarbeitet wird, wie man städtische Naturräume im Sinne der Gemeinschaft nutzen kann. So könnte der Garten z.B. besonders klimafreundlich bepflanzt werden, als Pausengarten für die Kita, als Anschauungs – und Diskussionsort für den Religions- oder Naturkundeunterricht der benachbarten Grundschule oder als Erholungsort für Senior*innen der nahgelegenen Taborkirche genutzt werden. Ein interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang ist, dass 40% der GmbH dem Erzbistum Köln gehören, das sich in seinem neuen Papier „Vision Schöpfungsverantwortung 2030“ ganz besonders dem Umweltschutz verschrieben hat.

Wie ist der derzeitige Stand?

Es haben zwei Gespräche mit der Berliner Niederlassung der Hauseigentümerin stattgefunden – bisher ohne eine Abkehr vom Bauvorhaben im Garten. Derzeit versuchen wir, mit der Geschäftsführung der Hauptgeschäftsstelle in Köln ins Gespräch zu kommen. In Vorbereitung darauf suchen wir nach Fördermöglichkeiten und Kooperationspartnern für ein entsprechendes Projekt zur alternativen Nutzung des Gartens.

Außerdem machen wir die Hausverwaltung mit einem regelmäßig erscheinenden Newsletter auf die Bedeutung von Grünflächen in urbanen Räumen allgemein und den Wert unseres Gartens für uns und das Karree aufmerksam. Per Plakaten und auf instagram informieren wir über unseren Fall.

Kann man euch unterstützen?

Na klar, wir sind insbesondere dankbar über Informationen zu vergleichbaren Fällen, Ideen zu möglichen Kooperationen oder Fördermöglichkeiten, inspirierende Erfolgsgeschichten oder auch lehrreiche Fehlversuche. Jede Information und Idee nehmen wir gerne an! Ihr erreicht uns …

…per Mail: taborstr9@gmail.com oder

…auf Instagram: tabor9rettetdiegaerten

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